
Als Jungfernfahrt für das Wohnmobil habe ich mir das Baltikum ausgesucht. Ursprünglich wollte ich etwas früher im Sommer starten. Da der Zeitplan nicht ganz hinkam und sich eine Hitzewelle im eigentlich geplanten Frankreich abzeichnete, habe ich mich recht spontan für den etwas kühleren Nordosten entschieden. Temperaturen über 30 Grad sind nicht mit meiner Gesundheit kompatibel. Es war eine kluge Entscheidung: Während ich mit maximal 27 Grad zu tun hatte, ächzte Mitteleuropa bei spürbar über 30 Grad.
Das Baltikum hat mich schon länger als potenzielles Reiseziel fasziniert. Noch aus der Zeit, als Radfernreisen möglich waren, spukte die Idee im Kopf, die Ostsee (halb) zu umrunden. (Malmö-Stockholm-Helsinki-Talinn-Riga-Danzig-Stettin) Riga ist von Berlin so weit weg wie Florenz. In den Köpfen sieht die Distanz anders aus. Ursprünglich sollte die Reise alle drei Länder, Estland, Lettland, Litauen umfassen. Aus Zeitgründen sind es dann nur Estland und Litauen geworden, zum Reinschnuppern.
Um es gleich vorab zu sagen: Ob bei mir aus dem Schnuppern noch einmal mehr wird, werde ich mir sehr gut überlegen. Das liegt nicht daran, dass ich viele schöne und interessante Orte gesehen habe, die ich auch grundsätzlich (fast) jedem empfehlen kann. Das Problem ist: Beide Länder sind für Menschen im Rollstuhl und mit Rollator in vielerlei Hinsicht schwer bis partiell sogar ungeeignet. Das betrifft jedenfalls klassische touristische Ziele. Die Einschränkungen sollte man meines Erachtens wissen, wenn man sich mit Beeinträchtigung auf so ein Ziel einlässt. Daher hier ein wenig ausführlicher.
Die Frage, ob man eine Destination besuchen kann, hängt davon ab, ob und wie man sich bewegen und Sehenswürdigkeiten besuchen, inwieweit man gastronomische Einrichtungen nutzen oder in Geschäfte reinkommen kann und welche Möglichkeiten es beim Erkunden der Landschaft gibt.
Ohne fitte Begleitperson (ggf. Plural) ist das Frustrationspotenzial in beiden Ländern sehr hoch. Das betrifft sowohl die Infrastruktur (von Straßen bis Gebäuden) als auch – leider – den Umgang der Menschen gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen. Gerade dieser Punkt hat mich wirklich entsetzt, weil er mich auch recht unvorbereitet getroffen hat. Einzelne Begegnungen, die unfreundlich sind oder nicht hilfsbereit, kommem immer mal wieder vor, überall, mal mehr, mal weniger. Gewisse regionale Unterschiede sind auch normal, weil regional Menschen generell offener, distanzierter, freundlicher reagieren. Als Berlinerin ist man Kummer gewohnt.
In dem Ausmaß, wie mir das in Lettland und Litauen begegnet ist, hat mich das aber doch umgehauen. Ausnahmen gab es, insgesamt etwa ein halbes Dutzend. Aber es überwiegen leider schon gruselige Erfahrungen. Viele Alltagssituationen, wo man einfach „Luft“ ist. Man steht im Café am Tresen und wird nicht bedient, trotz formalem Blickkontakt und mehrfacher freundlicher Ansprache. Minutenlang nicht. Das passiert nicht ein Mal, da könnte es an der Person liegen, sondern mehrfach. Ähnliche Situationen im Supermarkt, auf der Straße, in Markthallen. Dass das kein persönliches Wahrnehmungsproblem, kein situatives Erleben ist, haben einige Gespräche ergeben, die ich geführt habe, so unter anderem in mehreren Touristeninformationen. Als Erklärung wurde mir unabhängig voneinander genannt, dass die Tradition im Umgang mit schwerbehinderten Menschen im Weg steht. Es spukt noch das Relikt der Sowjetunion, nach dem „meinereins“ isoliert zuhause oder in Einrichtungen verwahrt wurde, jedenfalls sich nicht in der Öffentlichkeit bewegte. Erst jetzt fangen so langsam junge Betroffene an, ihre Rechte wahrzunehmen und zu erkämpfen. Sie haben noch viel vor sich.
Es hat den Anschein, dass Teilhabe nicht einfach nur ein Fremdwort ist, es fehlt gewissermaßen das Pendant in der eigenen Sprache. Da geht es nicht nur um Rampen, Aufzüge, abgesenkte Bordsteine, Blindenleitsysteme. Es gibt massive Barrieren in den Köpfen, von deren Existenz viele aber nicht einmal etwas erahnen. Damit existiert auch keine Bereitschaft, zu helfen, dass man eine Barriere anders umschiffen kann. Dass alte Städte wie Klaipeda und Riga mit ihrer hanseatischen Tradition, ihren Altstädten samt grobem Kopfsteinpflaster für Rollstühle eine echte Herausforderung sind, kennt man als Rollifahrende in Erinnerung an das letzte Schütteltrauma. Aber normalerweise gibt es wenigstens partiell Versuche, etwas zu verbessern. Hier hat man kürzlich Straßen umgebaut, sogar zur Lärmreduktion Pflaster geschliffen. Queren kann man die Straßen als Rollifahrer nicht.
Wer sich also mit Rollstuhl an eine Reise wagen will: Ja, es lohnt sich, besonders für Naturbegeisterte und historisch Interessierte. Man muss physisch und mental auf Barrieren eingestellt sein.
Und es gibt Ausnahmen. Vilnius hier als Stadt besonders hervorgehoben. Daneben gibt es das ein oder andere Naturschutzgebiet, wo man gezielt auch barrierefrei auftreten möchte. Hier hätte es für mich etwas mehr Zeit sein können, das auszutesten. Mal sehen, vielleicht begegnen wir uns doch wieder.
Die Route (17 Tage):
Kaunas (LTU) – Trakai (LTU)- Vilinius (LTU)- Ventė / Memeldelta (LTU)- Kurische Nehrung (LTU)- Klaipeda (LTU) – Palanga (LTU) – Žemaitija (LTU) – Berg der Kreuze (LTU) – Jelgava (LVA) – Riga (LVA) – Molėtai (LTU) – Druskininkai (LTU) – Wigry (PL)


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