Kurische Nehrung – Natur für die Seele

Die Kurische Nehrung ist ein im Schnitt nur etwa 2-2,5 km schmaler, aber knapp 100 km langer Sandstreifen, der etwa je zur Hälfte zu Kaliningrad und damit zu Russland (südlicher Teil) und Litauen (nördlicher Teil) gehört. In Kaliningrad ist die Landzunge mit dem Festland verbunden, während am nördlichen Ende bei Klaipeda ein Durchlass ist, was insgesamt den Charakter der Nehrung ausmacht. Die Nehrung steht insgesamt unter Naturschutz. Das Betreten des Gebiets kostet eine Eintrittsgebühr, um den Zustrom zu steuern. Nur der kleine nördliche Zipfel mit Fähre und Delfinarium ist von der Eintrittsgebühr befreit.

Wenngleich ein Besuch der Nehrung durch hohe Überfahrt- und Eintrittskosten (für ein Wohnmobil ingesamt knapp 100 €) erst einmal teuer ist, so lohnt es sich. Wildcampen ist auf der Nehrung nicht erlaubt. Es gibt in Nida einen sehr schön unter Bäumen gelegenen Campingplatz und in Smiltyne eine Stellplatz an der Marina. Ansonsten gibt es einige kleinere Stellplätze.

Nordspitze – Litauisches Meeresmuseum

Die Nordspitze der kurischen Nehrung liegt gegenüber von Klaipeda und dem einzigen Seehafen des Landes. Der südliche Pier der Hafenzufahrt auf der Seite der Nehrung reicht weit in die Ostsee rein. Die mehr als 1 km lange Strecke ist auch gut mit Rollstuhl zu bewältigen. Man hat von dort aus eine sehr schöne Sicht auf Klaipeda und seinen Hafen samt ein- und ausfahrender Schiffe, aber auch auf die Kurische Nehrung und den schönen nördlichen Strandabschnitt. Südlich davon befindet sich das litauische Meeresmuseum, das aus mehreren Teilen besteht. Es beinhaltet indoor ein Delphinarium und ein Museum. Dies soll barrierefrei sein, weiß dies allerdings auch nur vom Internetauftritt. Ich lehne Delfinaufführungen und habe mir einen Eintritt daher gespart. Im Außenbereich ist ein kleines Freilichtmuseum mit einigen Fischerhäusern untergebracht sowie einigen Trocken gestellten Schiffen, die frei zugänglich sind.

Wandertipp:

Man kann vom Parkplatz aus bis zur Spitze des Südpier laufen und auf dem Rückweg vom Museum aus über den umliegenden Wall den Weg durch den Wald nehmen. Alles gut mit Rolli machbar. Insgesamt sind das knapp rund 6 Kilometer.

Südlich des Fährhafens beginnt der abgeschlossene Bereich des Naturschutzgebiets der Nehrung, der extra Eintritt kostet. Gleich hinter der Mautstelle erwartet einen bezaubernde Dünenlandschaft mit Gräsern, Heide und Kiefernbestand. Ich wurde gleich hinter der ersten Kurve von einem Seeadler begrüßt, wahrscheinlich eine Marketingmaßnahme um gleich jeden Zweifel auszuräumen, dass der Eintritt berechtigt ist 😉 Mit Erfolg…Die gesamte Nehrung entlang läuft ein Radweg. Da nicht so wahnsinnig viele Radfahrer unterwegs sind, kann man diesen auch konfliktfrei mit Rollstuhl benutzen. Es gibt mehrere Zugänge. Die Wanderwege sind – erwartungsgemäß – völlig ungeeignet, da Sand. Bei der Fahrt rauf in Richtung Nida und den auf dem Weg liegenden anderen Dörfern der Nehrung sollte man im Auge haben, dass die Gesamtstrecke fast 40 Kilometer sind.

Bald taucht am Wegesrand ein Wald im Wald auf, der einen erschrecken kann, selbst wenn man vorgewarnt ist. Warum dieser den Beinamen „Toter Wald“ hat, ist offensichtlich. Allerdings handelt es sich nicht um irgendeinen Umweltfrevel, sondern um eine Kormorankolonie, die ihre sehr sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Es gibt einen Haltebereich, der ermöglicht, die Fahrt zu unterbrechen und einen Weg entlang der Zone zu gehen. Allerdings sollte man sehr aufpassen. Es hat einen Grund, warum die Bäume so kaputt sind. Die Kormorane kacken wirklich und das, was da rauskommt, ätzt.

zahlreiche durch den säurehaltigen Kot der Kormorane graue, völlig kahle tote Bäume

Juodkrante

Etwa auf halber Strecke zwischen dem Fähranleger und Nida liegt das hübsche Dorf Juodkrante. An der Ortseinfahrt würde man, wenn man es nicht weiß, an einer idyllischen, wenngleich unscheinbaren Bucht vorbeifahren. Es handelt sich um die Bernsteinbucht mit dem deutsche Namen Schwarzort. Hier wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für etwa 30 Jahre Bernstein im Tagbau gefördert, immerhin insgesamt 75.000 kg.

Wiese und alter Baumbestand der kleinen runden Bucht, die Überbleibsel des Bernsteinabbaus ist

Juodkrante bietet einige nette gastronomische Einrichtungen, die teilweise einen schönen Blick auf das Haff bieten. Kurz vor dem Dorfausgang gibt es einen kleinen Waldparkplatz, den man als Stellplatz für eine Nacht nutzen kann. Dort gibt es auch Frischwasser.

Dünen und Strand

Die gesamte Westküste der Kurischen Nehrung ist ein gefühlt endloser Sandstrand. Markant für die gesamte Nehrung sind ihre bis zu 65 Meter hohen Dünen. Diese Dünen, die die Landschaft der Nehrung prägen, haben eine eigene lange Geschichte. Ursprünglich war die Nehrung von Nadelwald überzogen. Wie auch anderenorts waren es Kriege, die hier im 17. Jahrhundert zu massiven Rodungen führten. Es entstanden Wanderdünen, die zeitweise ganze Ortschaften unter sich begruben. Erst durch Bepflanzungen gelang es vor knapp 200 Jahren, die Dünen erneut zu bepflanzen und damit die Wanderbewegung weitgehend einzudämmen. Die berühmteste der heute noch verbliebenen Wanderdünen ist eine der höchsten Dünen Europas, die Parnidis-Düne, deren Höhe in der Range von 44 bis über 60 Metern angegeben wird. So eine Düne ist den Erosionskräften der Natur ausgesetzt.

Als landschaftsprägende Elemente sind die Dünen samt ihrer Vegetation für Wanderer sehr schön. Für Menschen im Rollstuhl oder anderen Mobilitätseinschränkungen sind sind sie eine Herausforderung, die in weiten Teilen verunmöglichen, sich diesen Teil der Natur zu erorbern. Das trifft auch auf die mit 67 Metern höchste Düne, die Vecekrugas-Düne zu. Ich habe abseits der Radwege an einigen Stellen versucht, durch das Gebiet zu kommen. Nichts davon ist zum Nachmachen empfohlen! Man hat teilweise versucht, über Stufen und Bohlenwege den Zugang für Fußgänger zu vereinfachen, das funktioniert natürlich nicht, wenn man „Räder unter den Sohlen“ hat.

Bei meinem wüsten (im doppelten Sinne) Versuch, von Nida aus in Richtung Campingplatz den nicht direkten Weg an der Straße zu nehmen, sondern durch den Wald zu kommen, bin ich vor lauter Ausweichen und leider doch noch immer wieder Schieben und eigene Grenze Überschreiten irgendwann wieder am südlichen Ortsende ausgekommen.

Grundsätzlich betrifft das auch den Weg zu den Stränden. Auch hier muss man über Dünen, die Wege sind in aller Regel für Rollstuhl nicht geeignet. In Nida gibt es aber einen ausgeschilderten barrierefreien Strand, bei dem man über die Düne ein Stückweit auf den eigentlichen Strand kommt. Strandfeeling inklusive, wenngleich es leider keine Möglichkeit gibt, sich dort etwas zu bewegen. Auch muss man ein wenig aufpassen: Es gibt unabhängig vom grundsätzlich zugänglichen Weg stärkere Sandverwehungen, für deren Passage je nach Fitnesszustand Hilfe benötigt. Es soll auch einen Strandrollstuhl geben, der allerdings nicht verfügbar war bei meinem Besuch. Daher weiß ich auch nicht, inwieweit dieser, wenn vorhanden, selbstständig zu bedienen ist oder einer Begleitperson bedarf.

Holzweg auf den Strand in Nida mit Sportflächen für Beachvolleyball und Gym

Nida

Nida selbst ist der größte Ort auf der Nehrung, direkt an der Grenze zu Kaliningrad beziehungsweise dem russischen Teil der Nehrung. Ich hatte keinen Bedarf, direkt an die Grenze zu fahren. Die Hinweise sind etwa 1,5 km vorher deutlich. Nida hat einen schön im Wald gelegenen Campingplatz, der allerdings keine barrierefreien Sanitäranlagen hat.

Der Ort selbst hat eine touristisch geprägte Marina, mit charakteristischen Shops (die allerdings keine Ladenkabel führen, was für ein Intermezzo ungünstig war). Hübsch in Nida ist auch die längere Promenade auf der Haffseite, die zu einem Spaziergang einlädt. Das Thomas-Mann-Haus, in dem jener drei Sommer verbracht hat und das heute ein Kulturzentrum beherbergt, kann man als Rollstuhlfahrer dabei nur von außen und aus Distanz besichtigen. Es liegt mit Stufen zugänglich am Hang und ist an sich Aufgrund der historischen Bauweise auch sonst nicht barrierefrei.

Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass der Ort selbst sich wohl bemüht, etwas in dem Bereich zu tun. So gilt das für die durch die hohen Dünen auch innerorts vorhandenen Steigungen, denen man „mit Schwung“ begegnet.

In Schlangenlinien gebaute Rollstuhlrampe zur Umgehung einer Treppen an einem Gehweg in Nida

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