
Die Hauptstadt Litauens Vilnius hat sofort geschafft, sich in mein Herz zu schieben. Die faszinierende Vielseitigkeit dieser Stadt die geprรคgt ist aus reicher Architektur unterschiedlicher Epochen, schรถn gelegen am Ufer des mรคandernden Neris (einem Nebenfluss des Nemunas / Memel), tolle Parks, Open-Air-Feeling, eine vielfรคltige Kรผche und angenehme Menschen. Was will das Herz mehr?
Flussufer

Fรผr den Beginn meiner Entdeckungstour habe ich beschlossen, mich einfach treiben zu lassen. Einstieg sollte das Flussufer sein, um einen ersten Einblick der Stadt zu bekommen. Man kann hier sehr schรถn รผber einen Kilometer unmittelbar am Neris flanieren. Dabei hat man die ganze Zeit auf der anderen Seite den Blick auf das „Neris-hattan“, die Skyline von Vilnius. Nicht รผberall barrierefrei habe ich die Streck von der Kรถnig Mindaugas Brรผcke nahe der Kathedrale bis zur Baltasis Tiltas, der weiรen Brรผcke genommen. Damit gleich in der Nรคhe des Lukiลกkฤs-Gefรคngnis mit seiner รผber hundertjรคhrigen, blutigen Geschichte. Sehr positiv an der Uferpromenade, dass sie so tief liegt, dass man von der stark befahrenen Goลกtauto gatvฤ nicht viel mitbekommt. Sehr schรถn auch die von (Wild-)Stauden bewachsenen Uferbefestigungen. Musik von der anderen Uferseite machte das Ganze fรผr einen Sommertag atmosphรคrisch rund.

Altstadt


Etwas knifflig die Querung der Goลกtauto gatvฤ mit hohen Bordsteinen. Von da aus ging es am Lukiลกkฤs-Gefรคngnis vorbei in die Altstadt. Wรคhrend das Gefรคngnis selbst mit seinen teilweise auch kulturell genutzten Rรคumen nicht barrierefrei ist, gilt dies fรผr die Altstadt nicht. Diese ist gut mit Rollstuhl zu befahren. Man kann sich so gut auf die in weiten Teilen sogar Fuรgรคngerzonen dieser mittelalterlichen Altstadt einlassen, die schon seit 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehรถrt. Hier zu schlendern ist wirklich sehr entspannend und entspannt mรถglich. Es gibt viele kleinere Geschรคfte und nette Auรengastronomie mit litauischer und internationaler Kรผche. Im Sommer fast ein Muss: erfrischende ล altibarลกฤiai, kalte Rote-Beete-Suppe. Neben vielen Wildgerichten findet auch als heimisches Streetfood nicht nur in den Markthallen Cepelinai, mit vรถllig unterschiedlichen fleischhaltigen oder vegetarischen Fรผllungen.
Prรคgender Teil Altstadt das jรผdische Viertel, heute Glasviertel genannt, das auf die alte jรผdische Tradition verweist. Viele Jahrhunderte gab es hier eine jรผdische Kรผnstler- und Handwerkergemeinde, die von den Nazis fast vollstรคndig vernichtet wurde. Heute finden sich hier viele zum Teil hรถherpreisige Geschรคfte.
Einzig berรผcksichtigen muss man, dass sowohl Geschรคfte als auch Gastronomie teilweise nicht unbedingt barrierefrei zugรคnglich sind.



Die bedeutenderen Kirchen in Vilnius sind alle zugรคnglich. Angefangen von der Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus รผber die St. Annen-Kirche bis zur Kathedrale der Himmelfahrt der Gottesmutter lassen sich die Besuche auch gut รผber einen Spaziergang durch eine der groรzรผgigen Parkanlagen verbinden, die Vilnius aufzubieten hat.
Uลพupis

Aus meiner Sicht nicht lohnenswert und mit Rollstuhl fast unmรถglich zu realisieren ist ein Besuch des Viertels Uลพupis. Dieses hat in den vergangenen Jahrzehnten einen ziemlichen Wandel durchgemacht. Einst jรผdisches Viertel im 2. Weltkrieg durch die systematische Ermordung menschenleer, danach Rand der Gesellschaft und nach dem Fall der Sowjetunion Kรผnstlerkolonie schlรคgt inzwischen die Gentrifizierung durch. Befahrbar ist es mit Rollstuhl so gut wie nicht und lohnt wohl auch nicht den Versuch.
Fernsehturm

Was sich als lohnenswerter Abstecher herausgestellt hat war ein Besuch des Fernsehturms. Die Idee war spontan, nachdem ich gelesen hatte, dass auch Rollstuhlfahrerinnen hoch dรผrfen. Das ist man als Berlinerin nicht gewohnt. Wird doch in Berlin konsequent das Sicherheitsargument bemรผht und man macht รผberhaupt keine Anstalten, das zu รคndern. (Nicht der einzige Ort in Berlin, wo man so stur ist. Aber dazu ein anderes Mal.) Die Stippvisite entpuppte sich in mehrfacher Hinsicht als sehr positives Erlebnis.

Als ich den Hรผgel, auf dem der Turm steht, erklommen hatte, stand ich ein wenig verloren in einer Baustelle. Der eigentliche Zugang nur รผber eine Art Tunnel samt Stufen erreichbar. Ich wollte schon umdrehen, da kein Weiterkommen ersichtlich war, da sprach mich ein Anzug tragender Mann freundlich an. Er entpuppte sich als CEO und war damit Hausherr. Die fehlende Barrierefreiheit war wohl nur temporรคr. Herr ล eris sah es aber als Chefsache, mir hรถchstpersรถnlich Planen und Kabelrohre aus dem Weg zu rรคumen, um mich durch den Hintereingang einzuschleusen. Aฤiลซ labai – Herzlichen Dank dafรผr, auch fรผr den sympathischen Unterhaltungsfaktor der gesamten Aktion.
Oben, in 165 Metern Hรถhe erwartet einen – dank herrlicher Fernsicht an diesem Tag – eine fantastische Aussicht auf Vilnius und Umgebung samt Fluรlauf und Wรคldern. Und eine Innensicht auf eine in 165 Metern Hรถhe befindliche Behindertentoilette… Hallo Telekom, da geht etwas in Berlin?! (Foto davon ist leider zerschossen. Ausgerechnet!) Als besonderen Nervenkitzel bietet der Fernsehturm eine begrenzungsfreie Auรenplattform, die man – natรผrlich angeschnallt – betreten kann. Wahnsinnige setzen sich auf die Kante ๐ Ich habe mich darauf beschrรคnkt, durchs immerhin offene Fenster zu fotografieren. Ausreichend dicht an der Kante fรผr meine Verhรคltnisse.
Beeindruckend auch, dass man das, was man von oben noch vor dem Horizont sieht, Belarus ist, das von dort aus gerade einmal 30 km entfernt ist.
Ein geduldeter, sehr ruhiger, schรถner Schlafplatz im Wald an der Vilnia fand sich in Belmonto.


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