Zu Alessandria habe ich eine sehr persönliche Beziehung, die auf eine besondere Weise mit dem Stichwort „Schwerbehinderung“ verbunden ist. Als meine Erkrankung anfing, habe ich mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen keine Sonne mehr vertragen. Ab 27 Grad und schon früher bei direkter Sonneneinstrahlung auf den Kopf hatte ich das Gefühl, man würde aktiv den Akku aussaugen. Mein Bild, um den Zustand zu beschreiben: Das Handtuch, was man in den Ventilator hält. Es war sehr schnell klar, dass ich ohne Kopfbedeckung nicht würde klarkommen können. Es ist mein Sohn gewesen, der mich daran erinnert hat, was ich schon zum Thema Brille mal gesagt hatte: Wenn man künftig dauerhaft mit einem Hilfsmittel rumläuft, dann muss das vernünftig aussehen. Das fiel in die Phase hinein, überhaupt damit klarzukommen, dass eine solche Erkrankung plötzlich alles auf den Kopf stellt. Das war zu dem Zeitpunkt noch mit gelegentlicher Gehhilfe. Der Rollstuhl kam später.
Wenn also Kopfbedeckung, dann richtig. Ich hatte früher schon mal Hut getragen, weil es mir gefiel, dann aber wieder drangegeben. Nun, wo es sein sollte, dann richtig, also fiel die Wahl auf einen Borsalino, Modell Alessandria, Jeansblau. Inzwischen ist das nicht der einzige Hut – auch nicht der einzige Borsalino. Ich trage Sommer wie Winter Hut. So hat das nichts von einem „Hilfsmittel“ und fühlt sich auch nicht so an.

Bei der Reise durch den Piemont war für mich klar, dass ich Borsalino besuchen würde. Am Standort der alten Produktion in der Innenstadt Alessandria hat Borsalino ein kleines, aber feines Hutmuseum eröffnet. Dies ist natürlich auch Markenpflege. Gleichwohl erhält man aber sehr interessante Einblick in die Hutproduktion, die sich im Grunde in den vergangen 150 Jahren nicht nennenswert verändert hat. Selbst wenn man, wie ich, auch selber mit Material und Stoff arbeitet, ist es faszinierend zu sehen, dass der schicke Hut mal als unförmiger Filzsack angefangen hat.
Neben Film und Bildmaterial zur Produktion und den Produktionsschritten sind zahlreiche Hüte aus unterschiedlichen Epochen ausgestellt, die einerseits die Geschichte der internationalen Hutmode erzählen, andererseits aber auch einige Leckerbissen einer Traditionsfirma ausstellen, die nicht nur jemanden wie Bogart und den Papst behütet haben, sondern auch sehr viele traditionelle Kopfbedeckungen anderer Länder zu verschiedenen Anlässen kreiert haben.

Die Ausstellung ist barrierefrei. Interessant war auch, dass man grundsätzlich auch auf Anfrage spezielle Führungen für Blinde anbietet, denen dann auch Tastmodelle zur Verfügung gestellt werden. Wobei das noch mit gewissen Einschränkungen verbunden: Die Region ist Anno 2025 immer noch im Coronamodus! Wir haben uns als Deutsche ja angewöhnt, stets das größte Leid auf den Schultern zu tragen, nicht nur, aber auch bezogen auf die Pandemie… Die Vorstellung, dass es bei uns auch jetzt noch nennenswerte Einschränkungen geben und dann toleriert würde, ist selbst mit größter Fantasie nicht abbildbar. Im Gewerbegebiet von Alessandria gibt es einen Fabrikverkauf, dessen Besuch ich für mich als eher enttäuschend und verzichtbar gesehen habe. Das Museum an sich ist aber sicher nicht nur für Hutliebhaber einen Abstecher Wert.


Alessandrias bedeutendstes Ziel dürfte aber zweifelsohne nicht das Hutmuseum, sondern die Cittadella di Alessandria, die große, sternförmige Festungsanlage der Zitadelle sein. Die über weite Teile Anlage aus dem 18. Jahrhundert verfügt über noch gut erhaltene durch Kurtinen verbundene Bastionen sowie diverse Kasematten. Die Gebäude innerhalb der Zitadelle sind in unterschiedlichem Erhaltungszustand. Einige haben den Charme eines Lost Place. Während die gesamte Anlage innerhalb und außerhalb gut auch mit Rollstuhl erreichbar sind, man kommt auch auf den Wall hoch, ist das innenliegende Museo delle Uniformi nicht barrierefrei.
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