Möwe in der Altstadt

Riga – eine Grenzerfahrung

So toll ich einerseits einige Facetten von Riga gefunden habe, denen ich (teilweise von weitem) begegnet bin, so stark haben negative Erfahrungen das Erlebnis Riga geprägt. Sie waren gewissermaßen ein negativer Höhepunkt in einer ganzen Reihe kleinerer und größerer Erfahrungen, die ich auf meiner Reise durch Litauen und Lettland gemacht habe. In Riga war ich an dem Punkt, an dem ich nicht nur die Jungfernfahrt abbrechen wollte, sondern auch alles in Frage gestellt habe, was selbstständiges Reisen mit dem Wohnmobil bedeutet. Seit ich im Rollstuhl sitze, bin ich auch auf menschlicher Ebene nicht so vehement auf meine körperliche Beeinträchtigung geführt worden, bin ich nicht so deutlich an baulichen wie gesellschaftlichen Barrieren, Kopfbarrieren gescheitert.

Damit meine ich eben nicht nur die baulichen Barrieren einer 800 Jahre alten Altstadt, sondern insbesondere den Umgang. Nachdem schon die kleine Runde durch die Altstadt nur mit größter Kraftanstrengung und über die Grenzen dessen, was man Rollstuhlmaterial zumuten konnte, mehr un- als möglich war, ich am Zutritt zu Gebäuden ganz scheiterte oder der nur mit großem Aufwand und viel entwürdigendem Theater als Bittsteller zu realisieren war, kleinere Begegnungen in den Straßen in einer Weise von „Luft Sein“ geprägt war, war mein persönlicher Tiefpunkt erreicht nach einem Besuch des Āgenskalns-Marktes. Ich war beim Überqueren der Straße in Unterarm dicken „Ritzen“ des Kopfsteinpflasters hängengeblieben. Die Fußgängerampel wurde rot, mehrere Fußgänger gingen an mir vorbei, die Auto-Ampel wurde grün und ich hing dort auf der Straße, während die Autos an mir vorbeifuhren – und mehr als ein halbes Dutzend Fußgänger vorbeigelaufen waren beziehungsweise später an der Ampel standen.

Zuvor hatte ich schon ein längeres Gespräch gehabt in der Touristeninformation, nachdem man die dortige, nur einseitig geöffnete Flügeltür mit Rollstuhl nicht ohne Gefahr von Handquetschungen passieren konnte und die junge Mitarbeiterin sich die Mühe eine lange Weile anschaute, dann aber nicht reagierte. Zunächst habe ich kurz – auf Englisch – gefaucht, ob sie mich denn nicht sehen würde. Daraufhin trat eine leitende Mitarbeiterin dazu, die sich zunächst verbat, dass sich so mit ihrer Mitarbeiterin reden würde. Sie unterbrach sich selbst, als sie meine Situation verstanden hatte. Als sie mitbekam, dass die Tränen nicht mehr nur nah waren, drehte sich das Gespräch völlig. Wohl – ähnlich wie in Klaipeda – auch Betroffenheit im eigenen Umfeld erzählte sie sehr vergleichbares, wie die Schilderung, die ich schon im Nachbarland gehört hatte: Die Gesellschaft hat auch hier noch einen weiten Weg vor sich, was den Umgang mit schwerbehinderten Menschen angeht.

Das Erlebnis auf der Straße war mein persönlicher Tiefpunkt. Nicht zugängliche Bereiche sind das Eine. Das kann oft genug überwunden werden. Aber diese krasse Erfahrung im Zwischenmenschlichen gegenüber Menschen mit Behinderung lässt sich eben nicht einfach so ignorieren.

Ich habe mich dann erst einmal an die Mündung der Daugava zurückgezogen, um das sacken zu lassen und zu überlegen, wie ich die Tour noch drehen kann, damit dieses Frustrationserleben nicht alles überspült und damit die Idee, mit Rollstuhl im Wohnmobil zu reisen.

Kommentare

Ein Kommentar zu „Riga – eine Grenzerfahrung“

  1. […] Besuch der Altstadt von Riga war eine echte Grenzerfahrung mit aus Rollstuhlfahrerperspektive viel Frustrationspotenzial. Das habe ich ausgelagert, um der ansonsten schönen Altstadt ausreichend Raum geben zu […]

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