
Ein Tandemflug ist ein emotionsreiches Erlebnis. Wunschtraum und Glücksmoment auf der einen, angstbesetzte Aktion auf der anderen Seite mit allen Facetten dazwischen. Irgendwo im Hinterkopf fand ich Gleitschirm wie Fallschirm immer schon faszinierend mit einem Hauch von Sehnsucht. Nur war ich zu viel Schisser, dass ich das je realisiert hätte. Dabei spielte wohl auch eine Rolle, dass ich irgendwann mal als Teenager mich an einer Tour in einem Segelflieger versucht und den so überhaupt nicht großartig gefunden habe. Zu heiß unter der Plastikkuppel, nichts vom leisen Gleiten, das von unten so scheint.
Dass ich mir in Südtirol einigermaßen spontan den Schubs gegeben habe, hatte dann so weniger den Grund, sich einen Traum zu verfüllen, als primär, die Überwindung zu erreichen. Den letzten Impuls hat ein Flyer des Tandemclubs Ilfinger gegeben, aus dem hervorging, dass man auch Flüge accessible macht. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier – bei strahlendem, klaren Wetter in bunter Herbstkulisse Südtiroler Berge – dann wo und wann?
Es wurde zu einem der schönsten und spannendsten Reiseabenteuer bisher. Sehr anstrengend und durchaus über meine körperlichen Grenzen hinaus – die Nachwirkungen in Gestalt von heftiger Erschöpfung hatte ich noch zwei Tage später. Ich habe das aber zu keiner Zeit bereut. Das, was der Tandemclub Ilfinger Menschen mit Beeinträchtigung ermöglicht (Dank und Gruß besonders an Stefan), ist nicht nur, durch die Lüfte zu schweben und dieses Gefühl zu genießen. Es ist für sie noch einmal eine wesentlich größere Herausforderung, eigene Grenzen zu verschieben oder gar aufzulösen.

Ganz klar: Ganz ohne Unterstützung klappt so eine Aktion nicht. Es gibt ein paar Anforderungen, die mit dem Team abgesprochen werden müssen. So bedarf es einer gewissen Grundfitness und Minimalbeweglichkeit. Wobei wohl auch Rollifahrern der Flug u.U. ermöglicht wird, Körpergewicht spielt da allerdings auch eine Rolle. Die Sache soll ja für alle Beteiligten sicher sein.
In meinem Fall bedeutete das: Da ich ja in geringem Umfang gehen kann, musste ich irgendwie sehen, dass ich auf diesen Hang komme. Die Verhältnisse auf dem Hang kann man im Foto sehen. Die Entfernungen auch. Links im Bild die Bergstation. Hier war neben dem Team auch mein Sohn sehr hilfreich. Ansonsten: Selbst ist die Frau und rutscht auf dem Hintern runter. Anlaufen ist, so man es nicht kann, nicht zwingend erforderlich. Dabei assistiert das Team. Aber u.a. deshalb gibt es eine Gewichtsgrenze. Was dann nur noch abgestimmt sein muss, wie man es nach der Landung ins Fahrzeug schafft.
Der Flug selbst war für mich dank „Sessel“, tollem Piloten und besten Wettervoraussetzungen nur noch ein Genuss. Das bescherte mit nicht nur eine Extraschleife, sondern auch ein, zwei sportlichere Manöver. Die Schissbüx Vergangenheit :-D. Die Täler und Berge rund um Meran sind für so eine Aktion natürlich auch fast verboten schön, der Weitblick phänomenal. Die Perspektive, auch auf das Tal, eine völlig andere als von den Berghängen aus. Nicht zu vergessen das Gefühl an sich, zu fliegen – in der Dekadenz der Sitzhaltung, die wesentlich bequemer ist, als sie aussieht.

Gleich nach dem Flug (im Herbst 2023) habe ich mich bei Stefan zur Wiederholung „angemeldet“: Ich will mehr. Höhenflug, Sonnenaufgangsflug, mal sehen, was geht. Jedem nur zu empfehlen, der damit liebäugelt.


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