
Der „Berg der Kreuze“ bei Šiauliai ist in mehrfacher Hinsicht ein Mysterium. Wenn man diesen Ort von weitem sieht, ist das Acker, Feld, Wiese… Es ist, wie das Foto es zeigt, kaum ein Unterschied zum daneben liegenden Wäldchen. Zumindest aus der Distanz wesentlich kleiner, als der Name vermuten lässt- Gleichzeitig ist dieser Ort aber auch ein für viele Menschen spirituell aufgeladener Ort.
Wie geht man als Reisende mit so einem Ort um, wenn man diesen Glauben und die Rituale, die damit verbunden sind, nicht teilt? Aus Respekt und weil ich so einen Ort nicht als Touristenattraktion besuchen wollte, hatte ich ursprünglich von einem Besuch Abstand nehmen wollen. Šiauliai lag dann aber fast auf dem Weg nach Lettland. Ich habe beschlossen, mich Häppchenweise zu nähern und abzubrechen, wenn ich das Gefühl bekommen hätte, Fremdkörper zu sein. Letztlich bin ich froh, dass ich dort war.
Eine solche Begegnung ist sehr individuell. Ich glaube aber, dass es schwer ist, sich der Aura völlig zu entziehen. Von weitem ist diese kleine Erhebung auffällig unauffällig. Zum eigentlichen „Berg der Kreuze“ führt vom Parkplatz aus ein gut 300 Meter langer Fußweg, der Aufgrund der Umgebung den Charakter eines gepflasterten Feldwegs hat: Insgesamt befindet man sich zwischen den für den gesamten Landstrich charakteristischen Wiesen und Feldern. Der Hügel ist mit etwa 10 Metern Höhe nicht besonders hoch, was die Bezeichnung „Berg“ etwas übertrieben anmuten lässt. Der Name rührt von den Kreuzen in ihrer großen Zahl.


Erst beim Näherkommen werden diese Dimensionen erst so richtig deutlich. Studenten haben vor einiger Zeit versucht zu zählen – und bei 50.000 Kreuzen abgebrochen! Es sind Kreuze in allen Größen, nicht mitgezählt wurden dabei sogar die Kreuze der Rosenkränze und Kreuz-Ketten, die an Figuren und Kreuze drangehängt sind. Es ist also nicht übertrieben zu sagen, dass es hunderttausende Kreuze sein dürften. Viele Kreuze haben noch Beigaben. Neben Kerzen auch Münzen, Bilder, Gebete, Texte. Es gibt Lauben mit Kreuzen, die Kreuze hängen an Bäumen und Sträuchern. Dadurch ergibt sich in mehrfacher Hinsicht eine sinnliche Erfahrung, denn die sich bewegende kleinen Kreuze erzeugen einen besonderen Klang, wenn der Wind durch den Hügel streicht. Hinter jedem dieser Kreuze stehen Menschen, die ihre Gebete, Hoffnung, Dankbarkeit, Trauer… Ausdruck gegeben haben.

Es war für mich sehr berührend, mir dort die Geschichte des Hügels zu vergegenwärtigen, auf dem schon seit rund 200 Jahren Kreuze aufgestellt werden: der mehrfache Versuch, besonders zu Sowjetzeiten, den Hügel „plattzumachen“ und alle Kreuze zu entfernen. Die Menschen waren stärker. Sie haben immer wieder von vorne angefangen. 1993 hat Papst Johannes Paul II. am Berg der Kreuze eine Messe für 100.000 Menschen zelebriert, der dafür errichtete Altar steht heute noch auf einem kleinen Hügel neben dem Berg der Kreuze.


Beeindruckend auch, wie die Menschen heute mit diesem Ort umgehen, der ja Geschichte und Gegenwart zugleich ist. Der überwiegende Teil derer, die sich dort aufgehalten haben, wird wohl eher aus touristischen Gründen den Berg der Kreuze besucht haben. Aber der Umgang sehr respektvoll ohne die typischen Selfiejäger, die man sonst an touristischen Plätzen findet. Es war auch etwas zu finden, was vielleicht erklären könnte, warum mich dieser Ort so berührt hat: Der Hügel hat eine friedliche Ruhe ausgestrahlt. Ein wenig stand die Zeit still.
Ein abschließendes Wort zur Barrierefreiheit. Der „Berg“ ist kein Berg, sondern ein kleiner Hügel. Die Wege hin und drumherum sind auch mit Rollstuhl oder Gehhilfen passierbar. Lediglich die Pfade auf den Hügel direkt hoch sind schmal und mit Stufen. Es bleibt ausreichend Raum, sich diesen mystischen Ort zu erschließen. Am Parkplatz befindet sich ein Devotionalienshop und Toiletten, die auch barrierefrei sind.


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